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Wenn Prinzipien verrutschen

von Saleh Mati am 7. Juni 2026

Warum Hürths Sportpolitik ihre Glaubwürdigkeit verspielt

Es ist ein Moment, der hängen bleibt: Ein SPD‑Ratsmitglied steht in den social Media Kanälen irritiert und ahnungslos vor der Kamera. Eine junge Frau spricht ihn auf die neue Debatte im Sportausschuss an. Die Szene wirkt wie ein Sinnbild für eine Politik, die ihre eigenen Beschlüsse vergessen hat. Parteien und Fraktionen erinnern sich nicht an ihre eigenen Linien früherer politischer Entscheidungen. CDU und Grüne fordern plötzlich eine Beteiligung der Vereine an Sanierungskosten von Sportplätzen. Genau jene Parteien, die vor Jahren die Sportstättengebühr abschafften. Und die SPD, einst Mitinitiatorin dieser Gebühr, warnt nun vor dem „Ruin der Vereine“. Hürths Sportpolitik dreht sich im Kreis. Bürgerinnen und Bürger staunen über wechselnde Positionen und verlieren Vertrauen in die Politik. Damit schafft politische Unzufriedenheit Räume, die andere Parteien für sich nutzen könnten.

Ein Antrag, der alte Widersprüche neu auflädt

Der Antrag von CDU und Grünen liegt auf dem Tisch. Die Verwaltung soll prüfen, wie Vereine, denen Sportplätze dauerhaft überlassen werden, „angemessen“ an Sanierungen beteiligt werden können. Weiter schränken die Fraktionen in der Begründung selbst ein, wer gemeint ist: Vereine, die von der Sportpauschale profitieren. Damit geht es faktisch um die Fußballvereine mit Kunstrasenplätzen.

Der Kölner Stadt Anzeiger berichtet, dass die Pauschale für Sport vom Land NRW von rund 260.000 Euro jährlich kaum noch ausreicht, um die anstehenden Sanierungen der Kunstrasenplätze zu finanzieren. Die letzten Kostenschätzungen für die Kunstrasenplätze in Berrenrath und Kendenich liegen entsprechend der städtischen Vorlagen deutlich über eine Millionen Euro. Damit ist klar, die Sportpauschale reicht heute noch weniger aus als damals. Ausschussvorsitzender Hans‑Josef Lang (CDU) betont, die Mittel dürften nicht „ausschließlich für Kunstrasen“ verwendet werden. Ein Argument, das richtig ist, aber spät kommt. Über Jahre floss der Großteil der Sportpauschale in Kunstrasen, mit Zustimmung aller großen Fraktionen.

Noch widersprüchlicher wird es beim Blick in die Beschlussvorlagen der vergangenen Jahre. Damals stellte die Politik in der Begründung ausdrücklich sicher, dass der Verein keine finanziellen Aufwendungen für die Sanierung tragen muss. Wörtlich heißt es in der Vorlage 205/2018, die Stadt treffe „eine Vereinbarung über die vollständige Finanzierung der Sanierungsmaßnahme aus Mitteln der Sportpauschale“. Der Verein erhielt den Platz in Erbpacht, nahm ein Darlehen auf und vertraute auf diese Zusage. Eine Zusage, die nun politisch infrage gestellt wird.

Stotzheim ist kein Einzelfall. Auch Berrenrath ist betroffen und dort gelten ähnliche Zusagen. Hier sollte laut Vorlage 77/2022 die Finanzierung vollständig über die Sportpauschale laufen, inklusive Zins und Tilgung. Zudem verpflichtete sich der Verein zu umweltfreundlichen Vorgaben wie dem Verzicht auf Mikroplastikfüllungen.

Wenn CDU und Grüne nun eine Beteiligung der Vereine fordern, widerspricht das nicht nur früheren Beschlüssen. Zudem untergräbt es das Vertrauen der Vereine in die Verlässlichkeit politischer Entscheidungen.

Ein politisches Glaubwürdigkeitsproblem

Die SPD lehnt den Antrag ab und spricht laut KStA von einem „existenzgefährdenden Generalangriff“. Doch auch sie trägt Verantwortung. Vor rund 15 Jahren führte sie gemeinsam mit Grünen und FDP die Sportstättengebühr ein, um Vereine an Kosten zu beteiligen und den Haushalt zu konsolidieren. Heute warnt sie vor genau dem, was sie einst selbst beschlossen hat.

CDU und Grüne wiederum schafften diese Gebühr ab und fordern nun eine neue Form der Beteiligung. Für die Vereine bedeutet das: Niemand ist ein verlässlicher Partner. Positionen wechseln, sobald Mehrheiten wechseln.

Fazit: Hürth braucht eine Sportpolitik, die nicht im Kreis läuft

Die Diskussion zeigt einen grundlegenden Missstand: Die Sportpolitik in Hürth folgt kurzfristigen Mehrheiten statt langfristigen Prinzipien. Vereine investieren Zeit, Geld und Ehrenamt und dürfen erwarten, dass politische Zusagen Bestand haben. Wer heute Finanzierungssicherheit verspricht und morgen Beteiligung fordert, zerstört Vertrauen.

Die Frage ist nicht, ob Vereine sich beteiligen sollen. Die Frage ist, warum Politik ihre eigenen Beschlüsse ignoriert und warum ausgerechnet jene, die einst Gebühren abschafften, nun neue Belastungen ins Spiel bringen.

Hürth braucht eine ehrliche Debatte darüber, wie Sportstätten nachhaltig finanziert werden. Und eine Politik, die nicht jedes Jahr ihre Prinzipien neu erfindet. Sondern eine Politik, die gemeinsam Lösungen findet und zu ihren Entscheidungen steht.

Über Saleh Mati

Saleh Mati, geb. 1966 in Köln. Seit 1966 wohnhaft in Hürth. Mitglied im Stadtrat seit 2004 Alle Einträge von Saleh Mati

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