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Wenn Kunst kippt

von Saleh Mati am 18. Mai 2026

Wie eine Hausfassade in Efferen Angst, Fragen und eine Debatte auslöst

Es beginnt mit einem Gefühl. Ein Ziehen im Bauch, wenn man an der Kochstraße in Hürth Efferen vorbeigeht. Manche wechseln die Straßenseite, andere schauen weg. Und wieder andere bleiben stehen, weil sie nicht glauben können, was sie dort lesen: Parolen, Namen und Begriffe, die tief in der rechtsextremen Szene verankert sind. Auf zwei Hauswänden und einer Garage, mitten in Efferen, mitten auf einem Schulweg.

Für viele Menschen in Hürth ist die Fassade längst kein buntes Kunstprojekt mehr. Eine Anwohnerin erzählt, dass besonders Menschen mit Migrationsgeschichte sich unwohl fühlen. „Man fühlt sich bewertet. Manche gehen lieber außen herum“, sagt sie. Kinder laufen täglich hier entlang. Eine Mutter stellt fest, „Kinder lesen diese Worte. Und sie fragen, was das bedeutet.“

Die Petition, die inzwischen über 1700 Menschen unterschrieben haben, davon knapp 1000 aus Hürth, spricht von einer „rechtsextremen Propagandafläche“. Sie verweist auf Begriffe wie „Remigration“, die in der extremen Rechten als Forderung nach massenhafter Abschiebung genutzt wird.

Das Kunstwerk spricht zwei Sprachen

Die Wand spricht in zwei Sprachen: Für die meisten Menschen unverständlich, für die rechte Szene jedoch eindeutig. Da sind Namen wie Martin Sellner, einer der führenden Köpfe der Identitären Bewegung, der offen völkische und rassistische Positionen vertritt. Oder Wilhelm Kachel, der in der digitalen rechtsextremen Szene Meme‑Propaganda verbreitet, also Bilder, Sprüche und Insidercodes, die für Außenstehende harmlos oder rätselhaft wirken, manchmal sogar spielerisch. Gerade diese Leichtigkeit macht sie so schwer zu erkennen. Für Szene‑Insider dagegen sind sie klare politische Signale.

Die Zahl 14 wirkt für viele wie eine zufällige Markierung. In der rechtsextremen Szene jedoch steht sie für die ‚14 Words‘ des US‑Neonazis David Lane, einen zentralen Slogan, der weltweit als Erkennungszeichen genutzt wird. Begriffe wie „Kalergi‑Plan“, ein rechtsextremes Verschwörungsnarrativ über die angebliche „Abschaffung der Europäer“. Online‑Handles wie „Shlomo96“ oder „Admiral Paulsaveahoe“, die in extremistischen Memen‑Netzwerken auftauchen. Und Slogans wie „Traukeinenpromie13“, die typische anti‑elitäre Erzählungen der rechten Szene bedienen.

Für Menschen, die mit dieser Symbolik nicht vertraut sind, wirken viele dieser Elemente harmlos oder rätselhaft. Für Insider der rechten Szene dagegen sind sie eindeutige Signale. Die Wand funktioniert dadurch wie ein offener Code: Wer ihn versteht, fühlt sich angesprochen. Wer ihn nicht versteht, spürt trotzdem die Wirkung.

Zwischen diesen klaren politischen Markern tauchen immer wieder spielerische Elemente auf: verschiedene Formen, bunte Muster, das döp döp eines rhythmischen Schriftzugs. Es wirkt wie ein ästhetischer Kontrast oder wie ein bewusstes Stilmittel, das die Wand in ein pulsierendes Gesamtkunstwerk verwandelt.

Der Künstler Claus „Seak“ Winkler selbst verweist im Kölner Stadt Anzeiger auf die Kunst‑ und Meinungsfreiheit. Sein Haus sei ein Spiegel der Gesellschaft. Ob dieser Spiegel kritisiert, provoziert oder warnt … das bleibt offen. Und genau diese Unklarheit macht die Situation so aufgeladen.

Zwischen Kunstfreiheit und öffentlicher Verantwortung

Bürgermeister Dirk Breuer nennt die Lage in der Zeitung „grenzwertig“ und „belastend für das Umfeld“. Schulen aus Efferen, darunter die Friedrich‑Ebert‑Realschule und das Albert‑Schweitzer‑Gymnasium, wollen gemeinsam ein Zeichen gegen Diskriminierung setzen. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob ein Anfangsverdacht wegen Volksverhetzung vorliegt.

Fazit:

Wie soll Hürth mit dieser Fassade umgehen? Zwischen Kunstfreiheit und dem Schutz vor rassistischer Propaganda liegt ein schmaler Grat. Politik und Verwaltung müssen Klarheit schaffen. Dazu gehören Gespräche mit dem Künstler über die Motivation dieses Kunstwerks, dazu gehört, das Empfinden der Menschen in Hürth ernst zu nehmen und eine klare Haltung zu entwickeln.

Was diese Fassade so gefährlich macht, ist nicht nur, was dort steht, sondern wer es versteht. Für die meisten Menschen bleiben die Codes unsichtbar. Für die rechte Szene sind sie eindeutig. Und genau darin liegt die eigentliche Brisanz.

Die Situation ist durch die vielen offenen Fragen nicht grenzwertig. Für viele Menschen in Hürth sind die Grenzen längst überschritten, nicht juristisch, aber emotional.

Über Saleh Mati

Saleh Mati, geb. 1966 in Köln. Seit 1966 wohnhaft in Hürth. Mitglied im Stadtrat seit 2004 Alle Einträge von Saleh Mati

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